Hallo Papa

Es ist irgendwie komisch, dass ich nun über Dich schreiben möchte. 
Könnte vielleicht daran liegen, dass ich vor paar Tagen ein paar Familienvideos angeschaut habe. 20 Jahre ist es nun her, dass ich dich das letzte Mal gesehen habe. Zusammen vereint mit meiner Mutter und meinen Großeltern. 

Nicht einmal zusammen auf der Beerdigung meiner Mutter waren wir. Traurig, oder? 
Ich habe nie wirklich gewusst und ich weiß es bis heute noch nicht, wie ich dich erreiche. Du bist immer irgendwie weg. Auf Facebook antwortest du nicht und deine aktuelle Handynummer habe ich auch nicht. 

Was mich interessieren würde ist, warum Du dich von Mama getrennt hast. ich mein, ihr wart 8 Jahre zusammen und daraus bin ich schließlich entstanden. Ebenfalls würde mich aber auch interessieren, wie ihr damals zusammen gekommen seid. Im Grunde weiß ich nichts über euch. Fast jedes Kind kennt die Anfänge oder Beendigungen der Beziehung zwischen Mutter und Vater - nur ich irgendwie nicht. 

Ich habe so viele Fragen, aber bekam nie die passende Antwort dazu. Immer wenn ich Mama auf Dich angesprochen habe kamen Sätze wie: "Ach, der interessiert sich nicht für uns.." oder "Das ist ein A********." Aber WARUM sie das über Dich dachte weiß ich nicht. Genauso weiß ich nicht, was Du über sie gedacht hast. Es stimmt mich traurig zu wissen, dass es nie mehr ein Zusammenkommen stattfinden wird. Dieses Privileg bzw. Glück habe ich einfach nie gehabt.

Meine Gefühle zu Dir sind sehr gespalten. 
Auf der einen Seite könnte ich Dir eine reinhauen, weil Du nie da warst, aber auf der anderen Seite, verstehe ich es - irgendwie. Mama war eine charakterlich schwierige Person. Durch ihre Sucht war sie auch sehr narzisstisch und toxisch zu einem. 

Aber warum hast Du kaum bis nie versucht mit mir in Kontakt zu bleiben? Ich mein, Du hast mir als ich 14/15 Jahre alt war ein Handy geschenkt und somit hattest Du auch meine Nummer. 

An einer Sache kann ich mich noch erinnern, dass war mein 18ter Geburtstag. Wie habe ich dort mit meiner Mama diskutiert über Dich. Sie war der festen Überzeugung, Du würdest nicht an meinem 18ten Geburtstag anrufen und mir gratulieren. Aber ich glaubte ihren Worten nicht, ich habe es gespürt, dass Du anrufen würdest. Und so war es. Das Telefon klingelte und ich ging - absichtlich - nicht ans Telefon, damit Du auf dem Anrufbeantworter sprechen kannst und somit hatte ich den Beweis, dass Du an mich einmal gedacht hast. Das war schon so ein tolles Gefühl. 

Es war auch ein tolles Gefühl, dass wir alle mal vereint waren. Du, Mama, Oma, Opa und ich. An einem Tisch. Okay, Mama hat nur rumgemeckert, aber so waren wir - zumindest in meinem Kopf - eine Familie. Du solltest Oma und Opa zum Flughafen bringen und Tage später wieder abholen. Da hast Du eine Nacht bei Mama und mir geschlafen! Unbeschreibliches Gefühl und dennoch auch das traurigste. 
Warum? Na weil ich Dich ab dort an nie wiedergesehen habe. Das war vor 20 Jahren. Du bist ohne "Tschüss" zu sagen abgehauen. Ich hatte nicht einmal ansatzweise die Chance Dir Ciao zu sagen, weil ich dort noch geschlafen hatte und mich niemand geweckt hat. 

Das letzte Telefonat was wir führten war als Mama verstorben ist und Du nichts besseres zutun hattest als mich - direkt am Anfang des Gesprächs - zu fragen ob ich denn Geld benötige. Nein, Papa. Ich benötigte kein Geld, sondern väterliche Zuwendung vielleicht. Ich benötigte einen Papa, der mich versucht aufzuheitern, nach diesem Verlust. Aber kein Geld. Dies war der Zeitpunkt für mich als ich anfing gegen Dich Hass zu entwickeln. Du warst Jahrelang ein Tabu-Thema für mich. 

Und jetzt? Jetzt bin ich selbst Mutter von einem Sohn, der dieses größte Glück der Welt besitzt und mit seinem Vater aufwachsen kann. Natürlich bist Du mein Vater, aber auch nur schriftlich auf Dokumenten und nicht auf menschlicher Ebene.

Schade.